Jahreslosung 2021

Kürzlich sass ich im Zug. Maskenpflicht. In einem Abteil schräg vor mir setzte sich ein älteres Paar hin. Die Maske unter dem Kinn. Ich ärgerte mich. Ich empfand ihr Verhalten als unfair. Und dann musste er auch noch niessen! Auch mich stört die Maske im Gesicht und meine Brille beschlägt andauernd. Barmherzigkeit? Jedoch, an dieser Stelle, nicht für sie!

Szenenwechsel. Ein junger Mann hatte einen Sturz mit dem Töff. Jemand hatte eine Rettungsdecke über ihn gelegt und kniete bei ihm. Eine Frau in einer Leuchtweste regelte behelfsmässig den Verkehr. Ein Passant hatte die Rettung angerufen, schon war das Martinshorn zu hören. Herbeigeeilte erste Hilfe, Beistand, Mitgefühl, praktisches Anpacken.

Barmherzigkeit kann in der Bibel die innere Gefühlsregung der Anteilnahme bedeuten. Oder spontane Hilfeleistung, bis hin zur planmässigen Unterstützung. Der deutsche Begriff Barmherzigkeit hat in seiner Mitte das kleine Wort “Herz”. Das hebräische Wort bedeutet auch “Mutterschoss”, der Ort, an dem das schutzbedüftige Leben behütet ist.

Barmherzigkeit. Die Szene auf der Strasse illustriert sie. Zurück zur Szene im Zug: Hätte ich Mitgefühl empfunden, wenn das Paar beim Aussteigen den Fuss übertreten hätte? Ich würde mir wünschen, dass es nicht bloss Schadenfreude wäre. Ob es richtig gewesen wäre zu helfen? Natürlich. In meinem Ärger wäre ich wohl froh gewesen, wenn die Hilfsbereitschaft nicht alleine meine Sache gewesen wäre.

Das Wort von Jesus über die Barmherzigkeit kommt aus der Mitte der Schrift. “Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und reich an Güte” (Psalm 103). Jesus legte dieses Schriftwort mit seinem Leben und Sterben bis zu seiner tiefsten Erfüllung aus. Zugleich konnte er mit den Schriftgelehrten ein Streitgespräch führen und im Tempel mit der Geissel ein prophetisches Zeichen setzen. Nicht alles im Leben ist Barmherzigkeit. Es gibt auch die Frage nach Recht und Unrecht, nach richtig und falsch. Aber wo stünde ich im Leben, wenn ich nur das Gute erhielte, das ich verdient habe? Und wenn es da nicht viel unverdiente Verschonung und Bewahrung gäbe? Welches Zutrauen zu Gott dürfte ich haben, wenn ich nicht auf seine Barmherzigkeit hoffen dürfte? Und wie nötig sind die Kräfte der Barmherzigkeit für eine menschliche Welt! Jesus tritt auf dem Bild von Andreas Felger mit seinem Wort aus der Mitte von Gottes Herzen und stärkt uns in unserem Mitfühlen und Handeln. Wie gut, öffnet uns dieses Wort die Tür ins neue Jahr!

Thomas Gottschall, Pfr.

 

Jahreslosung 2021, gestaltet von Andreas Felger © adeo Verlag, Asslar, www.adeo-verlag.de

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