“keim wort keim!”

Im Theologiestudium habe ich die Gedichte von Kurt Marti entdeckt. Obwohl Deutsch nicht meine Muttersprache ist, haben sie mich nicht mehr losgelassen. Sie inspirieren mich  zum Nachdenken. Die Art und Weise, wie sich Kurt Marti mit seinen Texten einbrachte, finde ich beeindruckend. Sein Leben lang stand er im Dienst am Wort, als engagierter Pfarrer und sprachschöpferischer Schriftsteller. Marti hat zu politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Themen Stellung bezogen, ist damit auch angeeckt und hat manche verärgert. Roman Bucheli schrieb kürzlich in der NZZ: «Nichts war ihm zu profan, nichts politisch zu heikel, mit Hingabe schrieb er über alles, war er sah, hörte oder las.»

Dabei ging es Kurt Marti nicht darum, Recht zu haben. Im Gegenteil: Das Rechthaberische war ihm, dem humorvollen, kreativen und kritischen Zeitgenossen fern. Vielmehr verstand er sein Schreiben als stilles Gespräch und Einladung zum engagierten Dialog. Das Dialogische gehörte für Marti wesentlich zu einer glaubwürdigen Theologie und zu seinem Gottesbild. Der sprachfähige Mensch, vom Schöpfer zu seinem Ebenbild geschaffen, ist kein Befehlsempfänger, sondern ist berufen das Gespräch unter Menschen und den Dialog mit Gott zu pflegen.

«keim wort keim!» – so lauten die ersten drei Worte seines Gedichts «gottesdienst». Worte, die keimen, aufgehen und alles durchdringen wollen. Worte, die aber auch Dornen und Widerhaken haben. Nur schön klingen allein genügt nicht – weder im Gottesdienst am Sonntag, noch im Gottesdienst im Alltag der Welt. Die Worte sollen sich einmischen, etwas wagen und wenn nötig widersprechen.

Mit dem Wort ist auch Jesus, der menschgewordene Gott gemeint. Der Vergeltung und der Macht widersprechend, lebte Jesus die Liebe und übte das Teilen. Er hat aber deswegen gelitten und wurde gekreuzigt. Aber das Dunkle und das Schwere des Leidens und der Passion wird geheimnisvoll im Osterlicht in Leben und Freude verwandelt. So heisst es im Lied (RG 456): Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün. Jesu Worte mögen keinem und neue Wege zu Gott und zu den Menschen öffnen!

Pfarrerin Galina Angelova

 

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Kurt Marti

aus: «Gott Gerneklein: Gedichte», Radius-Verlag 1995.

 

 

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