Eben-Eser – Stein der Hilfe

Mit einem wohligen Seufzer strecke ich die Beine aus. Aus den Wanderschuhen dampft die Wärme von den erhitzten Füssen. Die Socken liegen zum Trocknen im Gras. Der Blick schweift in die Weite. Unter mir liegt das Tal, vor mir erhebt sich die Bergwelt, über mir wölbt sich der blaue Himmel. Ein perfekter Tag. Es war ein ruhiger Aufstieg auf den Gipfel. Dann der herrliche Rundblick, der alle Mühen belohnt. Und nun die schöne Rast auf der hoch gelegenen Bergwiese. Unter mir mache ich in einiger Entfernung ein Steinmannli aus. Bevor es Wanderwegzeichen gab, markierten solche Steinmale den Weg. «Eben-Eser» denke ich, «bis hierher hat uns Gott geholfen» (1. Samuel 7, 12). Meine Gedanken verweilen bei den Wegmarken. Diese gibt es auch im menschlichen Leben: eine bestandene Prüfung, die Geburt eines Kindes.

Der Verlust eines nahen Menschen gehört dazu, ein Schicksalsschlag, eine Krankheit, Abschiednehmen von einem Lebensabschnitt. Vielleicht ein Neuanfang? «Eben-Eser» ist schon richtig gesagt. Der Malstein, den der Prophet Samuel damals errichtet hatte, sollte an die überstandenen Philisterkriege erinnern. Der Zweck liegt aber nicht in der blossen Erinnerung an die Vergangenheit, sondern in der Zuversicht für das Gegenwärtige und das Kommende: «Bis hierher – und weiter!» Gottes Versprechen ist da und geht mit. Ein Seufzer der Entspannung kommt über meine Lippen: Loslassen dürfen. Alltagssorgen, einen nagenden Ärger, zwischenmenschliche Spannungen.

Ein Gebet von Karl Rahner kommt mir dazu in den Sinn: Herr, da ist dieser andere Mensch, mit dem ich mich nicht verstehe. Er gehört dir. Du hast ihn geschaffen. Du hast, wenn nicht so gewollt, ihn so gelassen, wie er eben ist. Wenn du ihn trägst, mein Gott, will ich ihn auch tragen und ertragen. So wie du mich trägst und erträgst. Der Schlusssatz lässt mich erneut durchatmen. Sein dürfen, der ich bin. Mit allen Mängeln, die ich an mir selber finde oder die andere an mir sehen. Der jetzige Augenblick ist erfüllt von einem «Eben-Eser», «bis hierher hat Gott geholfen.» Ich fühle mich aufgehoben, schöpfe Kraft.

Also weiter: Wer sagt denn, dass ich diese oder jene Aufgabe, die im Tal auf mich wartet, nicht lösen kann? Wer sagt denn, dass es da oder dort im Leben keinen Ausweg gibt? «Eben-Eser» lautet das Motto. Ich werde einen kleinen Stein im Rucksack mitnehmen, bevor ich weiter absteige.

Pfarrer Thomas Gottschall