Jahreslosung 2022

Eine offene Tür im Halbdunkel, in Blautönen gemalt. Ein goldener Schlüssel hängt herab. Er hat die Form des Kreuzes. Der Blick fällt in einen hell erleuchteten Raum hinein. Ein Laib Brot und ein Becher Wein befinden sich auf einem Tisch. Das Abendmahl steht bereit. Aus der offenen Tür fällt eine Lichtstrasse und lädt den Betrachter ein. Darin steht in einer klaren Schrift das Bibelwort: «Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.»
Jesus Christus spricht dieses Wort. Er ist auf dem Bild von Stefanie Bahlinger präsent: Der gekreuzigte und auferstandene Christus als der goldene Schlüssel, der das Tor zum ewigen Leben aufschliesst.

Christus als die weit geöffnete Tür der ewigen Liebe Gottes. Brot und Wein laden zur Tischgemeinschaft mit ihm ein. Beim Betrachten des Bildes von Stefanie Bahlinger kommt mir das Gedicht von Georg Trakl in den Sinn, «Ein Winterabend»:Wenn der Schnee ans Fenster fällt,lang die Abendglocke läutet,vielen ist der Tisch bereitetund das Haus ist wohlbestellt.Mancher auf der Wanderschaft kommt ans Tor auf dunklen Pfaden. –Golden blüht der Baum der Gnadenaus der Erde kühlem Saft.Wanderer tritt still herein;Schmerz versteinerte die Schwelle.Da erglänzt in reiner Helleauf dem Tische Brot und Wein.Bild und Worte sprechen mich gleichermassen an. Christus selbst tritt in den biblischen Symbolen und im Wort der Jahreslosung an mich heran. «Wanderer tritt still herein.» Ich bin der Wanderer. Manchmal auf lärmigen Strassen unterwegs, vielleicht im Zeitdruck und gehetzt, erwartungsvoll oder froh, nicht auszuschliessen «auf dunklen Pfaden».

Je länger ich nun in Bild und Wort verweile, umso tiefer empfinde ich die Stille und den Frieden. Es gibt keine Hektik, keine Eile, keinen Druck, keinerlei Nötigung. Es ist alles nur pure Einladung. Ein Versprechen, das kein Verfallsdatum kennt. Eine offene Türe, die nicht zugeschlagen wird. Wer du auch bist, du wirst hier nicht abgewiesen. Der «zu mir» und «ich» gibt sein Wort mit seinem Leben dafür. Für die frühen Christen war dies das Wort von Christus, das zum Glauben einlädt. Es blieb das Wort, das immer neu sammelt. Am Ende ist es das Wort, das in die Ewigkeit ruft. Heute bin ich der «Wer kommt». Zu diesem Christus gehöre ich gerne dazu. Und wie froh bin ich, dass er mir das Brot bricht und den Becher reicht. Wie dankbar nimmt mein Herz seine Gemeinschaft auf. Das neue Jahr kann kommen! So wird es gut werden.

Pfarrer Thomas Gottschall